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Tiplu

„Meine persönliche Idealvorstellung ist eine buchstäbliche ePA für alle“

By Februar 27, 2025No Comments

Interview zur Einführung der elektronischen Patientenakte mit Dr. med. Lukas Aschenberg und Dr. Moritz Augustin

Mit ihrer testweisen Einführung in Hamburg, Franken und Teilen von Nordrhein-Westfalen ist die elektronische Patientenakte (ePA) aktuell eines der meistdiskutierten Themen des deutschen Gesundheitswesens. Vielversprechenden Chancen für eine effizientere, vernetzte und moderne Patientenversorgung stehen Datenschutzrisiken, technische Herausforderungen sowie eine generelle Skepsis gegenüber der digitalen Transformation entgegen. Als Unternehmen für Krankenhaussoftware mit starkem Fokus auf Künstlicher Intelligenz und Interoperabilität beschäftigen die ePA-Einführung und damit einhergehende Möglichkeiten und Veränderungen auch uns.

Im Interview sprechen die Tiplu Geschäftsführer Dr. med. Lukas Aschenberg und Dr. Moritz Augustin darüber, wie die ePA unsere Branche betrifft und erklären, warum sie trotz noch bestehender Herausforderungen und offener Fragen für die ePA für alle plädieren.

Warum ist die ePA überfällig?

MA: Das Gesundheitswesen in Deutschland ist im Vergleich zu anderen Branchen  erstaunlicherweise immernoch  an vielen Stellen papierbasiert, die Patient Journey entsprechend im Wesentlichen noch nicht digital abgebildet. Die ePA wird endlich eine umfassendere und schnellere Verfügbarkeit von strukturierten intersektoralen Patientendaten ermöglichen.

LA: Die Zeit und Kosten, die während der Patientenbehandlung für das Hinterhertelefonieren nach medizinischen Informationen oder die erneute (und damit doppelte) Erhebung von Befunden verloren geht, ist immens. Hinzukommt, dass bestimmte Informationen schlicht gar nicht erst gesehen werden, weil sie in der Weiterbehandlung nicht erfragt oder wiederholt erhoben wurden. Neben der Zeit- und Kostenersparnis ist durch die Nutzung der ePA also auch eine Steigerung der Behandlungsqualität zu erwarten.

“Meine persönliche Idealvorstellung ist eine buchstäbliche ePA für alle. Dann müsste man keine teure Doppelstruktur [...] aufrechterhalten und könnte noch größere Synergien schaffen, etwa in der Forschung zu Wechselwirkungen von Medikamenten und seltenen Erkrankungen.”

Könnt ihr die Bedenken gegenüber der ePA – als Patient, als Arzt, aber eben auch als Unternehmer – verstehen?

MA: Die Bedenken rund um Datenschutz und Persönlichkeitsrechte sind für mich nachvollziehbar. Die ePA mit ihren besonders sensiblen Daten muss technisch sehr sicher umgesetzt sein und Missbrauch wirksam verhindert werden: sowohl beim Zugriff in der Versorgung als auch in der nachgelagerten Nutzung der pseudonymisierten Daten im Forschungsdatenzentrum.

LA: Die Angst vor einem Datenklau der eigenen Gesundheitsdaten finde ich auch grundsätzlich nachvollziehbar. Im Verhältnis von Risiken und Chancen ist sie meines Erachtens aber kein ausreichendes Argument: Hundertprozentige Sicherheit hat es nie gegeben, auch nicht zu Zeiten der reinen Papierakte. Ich sehe in der ePA vor allem einen massiven Mehrwert für die Gesundheit in Deutschland.

MA: Ich finde auch, dass in der Diskussion eine Schieflage besteht: Es wird zu einseitig auf den Schutz der Daten hingewiesen, während der Nutzen und Chancen der ePA für die Gesellschaft und jede:n Einzelne:n kaum berücksichtigt werden. Würde man dieses Potenzial mehr in den Fokus stellen, würden sich vermutlich auch weniger Leute für ein Opt-out entscheiden. Meine persönliche Idealvorstellung ist eine buchstäbliche ePA für alle. Denn dann müsste man keine teure Doppelstruktur – bspw. weiterhin Papierausdrucke in Praxen und Kliniken – aufrechterhalten und könnte noch größere Synergien schaffen, etwa in der Forschung zu Wechselwirkungen von Medikamenten und seltenen Erkrankungen.

Welche Chancen seht ihr in der Einführung und Nutzung der ePA für Krankenhäuser und die Gesundheitsversorgung?

LA: Insbesondere mit Blick auf den demografischen Wandel ist die ePA für die Zukunftsfähigkeit des deutschen Gesundheitssystems zentral: Die Optimierung und Digitalisierung der Prozesse und Dokumentation durch eine konsequente ePA-Nutzung kann nicht nur langfristig Kosten senken, sondern auch die Versorgungsqualität und -effizienz verbessern. Zum Beispiel könnten durch den digitalen Zugriff auf vollständige Patientenakten medizinische Fehler und Doppeluntersuchungen reduziert werden: Aktuell haben Versorgende kaum Zeit oder Möglichkeiten, sämtliche Vorbefunde eines Patienten oder einer Patient:in zu lesen und berücksichtigen. Liegen sämtliche Behandlungsinformationen digital in der ePA vor, könnte bspw. KI in Form großer Sprachmodellen den Abgleich aller Vorbefunde übernehmen und dabei unterstützen, dass bestimmte medizinische Konstellationen nicht übersehen werden.

MA: Über die ePA im Forschungsdatenzentrum verfügbar gemachte pseudonymisierte Daten ermöglichen zudem neue Forschungserkenntnisse und -bedingungen. Die Durchführung größerer Gesundheitsdaten-Analysen über viele Versorgungseinrichtungen hinweg wird deutlich einfacher.

Salopp zusammengefasst glaube ich: Im Einzelnen könnten durch die ePA Leben gerettet werden.

Welche Entwicklungen oder Veränderungen sind noch notwendig, damit die ePA ihren vollen Nutzen entfalten kann?

MA: Die aktuelle Form der ePA ist eine sichere Dateiablage, in der  vor allem  PDFs, wie Entlassbriefe und Röntgenbilder, gespeichert werden. Dies ist ein großer Vorteil gegenüber der Papierdokumentation, da alle Patient:innen immer über ihre vollständigen Krankheitsdaten verfügen können. Bei PDFs handelt es sich jedoch allgemein um unstrukturierte Daten. Einen echten Mehrwert bringt meiner Ansicht nach erst die umfassende Einführung einer strukturierten intersektoralen Patientenakte im FHIR-Format. Hier gibt es zwar bereits Bemühungen, wie die Medizinischen Informationsobjekte (MIOs) und FHIR-Services, aber der Bereich sollte definitiv mehr vorangetrieben werden, da dies eine wirklich sinnvolle Sekundärnutzung und auch Pseudonymisierung der Daten überhaupt erst möglich macht.

Welche Bedeutung hat die Einführung der ePA für ein Unternehmen wie Tiplu und welche spezifischen Funktionen oder Schnittstellen würdet ihr euch hier wünschen?

MA: Wir möchten die ePA-Einführung mit unserer Expertise mitgestalten: Unter anderem arbeiten wir in einem BMG-Forschungsprojekt mit dem UKSH an der Entwicklung eines intersektoralen FHIR-Datenmodells, um eine strukturierte Patientenakte für die ePA zu ermöglichen.

Zudem ist es wichtig, dass die ePA eine offene Schnittstelle bietet. So könnte ein florierendes Ökosystem rund um die ePA entstehen und strukturierte Patientenakten bestmöglich, im Sinne der Patient:innen, am Point-of-Care zur Verfügung stehen. Auf dieser Basis lassen sich auch Lösungen für Patient:innen oder Mediziner:innen entwickeln – z. B. KI-gestützte Expertensysteme zur automatischen Arztbrieferstellung (z. B. MAIA Doc) oder für klinische Entscheidungsunterstützung und Risikoprädiktion.

Hierfür kann die Nutzung pseudonymisierter Daten aus dem Forschungszentrum einen großen Fortschritt bringen. Daher wünschen wir uns effektive Prozesse hinsichtlich der organisatorischen und technischen Zugänglichkeit im Forschungsdatenzentrum sowie geeignete rechtliche Rahmenbedingungen. Das GDNG ist ein sehr guter erster Schritt, sollte in Richtung Produktentwicklung aber noch klarer erweitert werden.

LA: Das Zusammenführen verschiedener Daten, wie z. B. aus den in Deutschland klassisch getrennten Datentöpfen der stationären und ambulanten Behandlung, kann über die ePA endlich gelingen. Hinzu kommt zukünftig sicherlich noch weiterer Input: etwa selbst erhobene Daten aus Wearables. Das eröffnet für Unternehmen wie Tiplu ganz neue Möglichkeiten – z. B. das Trainieren von Machine Learning-Modellen, die auch im ambulanten Setting oder ggf. sogar “zu Hause auf dem Sofa” Risikoprädiktionswarnungen oder Ähnliches ausgeben könnten.